Geschichte

Von der Bronzezeit bis ins 21. Jahrhundert
Aus der Geschichte Obermenzings

„Menzing“ tritt in die Geschichtsschreibung ein mit einer auf den 6. November 817 datierten Urkunde, als der Edle Cotescalch und sein Bruder Deotpald ihren Besitz zu Menzing („in loco nominato Mezingia“) an die Kirche in Freising geben. Es ist hier noch nicht eindeutig gesagt, ob es sich um Ober- oder Untermenzing oder gar um beide handelt. Obermenzing selbst wird erstmals urkundlich im Jahre 1315 als zur Mutterpfarrei Aubing gehörend erwähnt, der Weiler Pipping zehn Jahre später, nämlich 1325, als ein Otto Teufelhart, Bürger zu München, vom Kloster Wessobrunn die Herrschaft über Güter in Pipping und Moosach gegen die Entrichtung von 32 Pfund Münchner Pfennige erhielt.

Tatsächlich jedoch beweisen Gräberfunde vor allem entlang der Würm, dass die Ansiedlungen erheblich älter sind, als die erste schriftliche Erwähnung. Der bisher bekannt gewordene älteste Fund aus dem Gebiet von Obermenzing datiert etwa um 1800 v. Chr. und stammt von der Longinusstraße, früher Hofmarkstraße. Bei Straßenbauarbeiten kam im Jahr 1910 in 1,20 Meter Tiefe ein frühbronzezeitliches Hockergrab mit einem vierkantigen, 5,2 cm langen Bronzepfriemen zum Vorschein. Eine Schwertklinge – 43 cm lang und 4 cm breit, mit vier Nieten versehen – wurde 1918 in der Korfiz-Holm-Straße / Daudetstraße gefunden.

Bronzefunde

Verbogenes Schwert und Lanzenspitze mit Schuh aus Eisen aus
Brandgrab 12 von Obermenzing; Länge der Lanzenspitze in auf-
gebogenen Zustand: 26cm; 2. Jhdt. v. Chr.
Bild aus: ObermenzingerHefte 3/IV Dez. 1978, Fotograf unbekannt

Am aufschlussreichsten für Obermenzing erweisen sich jedoch Funde im Bereich der heutigen Julius-Kreis-Straße / Gerlichstraße. Hier wurden 1924 / 1925 fünf Grabhügel untersucht. Drei Hügel bargen noch unversehrte Skelett- und Brandbestattungen der Bronzezeit um 1500 v. Chr. Gefunden wurden Tongefäße, eine Nadel, ein Armreif und anderes mehr. Die Grabhügel sind heute durch Siedlungsbauten vernichtet. Die Ausdehnung der Hügelgräber jedoch beweist das Vorhandensein einer nicht unbedeutenden Dorfansiedlung. Da in diesen Zeiten keine überdauernden Bauten aus Stein errichtet wurden, wissen wir nicht, wo die eigentlichen Siedlungen lagen. Als möglicher Siedlungsort denkbar ist auf Grund der Lage in der Biegung der Würm der Standort von Schloss Blutenburg. Bei den umfangreichen Sanierungsarbeiten am Schloss und dem Ausbau für die Internationale Jugendbibliothek in den Jahren 1980 bis 1983 wurden jedenfalls im Bereich des Herrenhauses 1981 Turmfragmente gefunden, die eine Bebauung zumindest für das 12. / 13. Jahrhundert nachweisen.

Schloss Blutenburg ist urkundlich erstmals 1432 erwähnt. Herzog Albrecht III. ließ das Schloss in den folgenden Jahren in der Form errichten, wie sie heute noch weitgehend erhalten ist. 1441 erwarb Albrecht III. vom Kloster Wessobrunn 17 von insgesamt 23 Anwesen in Obermenzing, 1442 wird Obermenzing Hofmark. Laut „Salbuch“ (Besitzverzeichnis) von 1486 gehören hierzu neben Ober- und Untermenzing auch Pipping und der nördliche Teil Pasings. Sitz der Hofmarksherren ist Blutenburg. Sie üben die niedere Gerichtsbarkeit aus und sind zugleich Patronatsherren der Hofmarkskirchen.

Im Jahre 1444 wurde der neue Chorraum von St. Georg, der Obermenzinger Dorfkirche, deren Geschichte jedoch bis in die Romanik zurückreicht und auch die kleine aber stark frequentierte Kapelle „St. Andreas und Georg“ in Turm IV von Schloss Blutenburg geweiht. Herzog Sigismund, Sohn Albrecht III., ließ später jedoch - im Jahr 1488 - eine neue geräumige Kapelle für Schloss Blutenburg errichten, ein Gesamtkunstwerk der Spätgotik, erhalten in einer Reinheit, wie sie nur mehr selten vorzufinden und in München einmalig ist; geplant, ausgeführt und ausgestattet mit dem Anspruch höchster Qualität. Auf Herzog Sigismund geht auch der Bau der Martinskirche in Untermenzing (1492) und von „St. Wolfgang“ in Pipping zurück. Die Grundsteinlegung für dieses Gotteshaus erfolgte 1478, 1480 wurde es eingeweiht.

Schloss Blutenburg diente mit Beginn des 16. Jahrhunderts als Jagdschloss. Nachdem das Schloss nach dem Tode Sigismunds im Jahre 1501 an seinen Bruder und Regenten Albrecht IV. zurückfiel, erklärte dieser 1508 Menzing zum herzoglichen Reservat für die niedere Jagd.

Bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts sind von Blutenburg nur alterungsbedingte Reparaturen vermeldet, die vielfach erwähnte Zerstörung durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg scheint demnach nicht stattgefunden zu haben.

1676 erwarb der Münchner Notar Anton Freiherr von Berchem die Hofmark und nahm am Schloss umfangreiche Renovierungs- und Umbauarbeiten vor. Er reduzierte das Bauvolumen. Über den Zustand nach diesen Arbeiten gibt ein Kupferstich aus dem Jahre 1701 von Michael Wening Auskunft.

Michael Wening, Schloss und Hofmark Menzing

Ausschnitt aus einem Kupferstich von Michael Wening, 1701

Als Berchem 1700 starb, mussten die Erben die Hofmark 1702 wieder an den Kurfürst Max Emanuel zurückgeben. Das Schloss hatte damit seine glanzvollste Zeit hinter sich. Es verfiel zusehends, wurde ab 1827 als Staatsgut an Privatleute und ab 1866 an das Institut der Englischen Fräulein verpachtet. Diesem folgte 1957 bis 1976 der Dritte Orden.

Die sich im Mittelalter gebildete alte „Dorfsgmain“ mit der besonderen Aufgabe, die von allen Bauern des Dorfes gemeinsam genutzen Weiden und Wälder zu verwalten, also eine Art Genossenschaft mit der Nebenaufgabe der Sozial- und Nothilfe sowie der Versammlung der Dorfgenossen, wurde erst mit dem sogenannten „II. Gemeindeedikt“ von 1818 auch zur „politischen“ Gemeinde mit einem frei gewählten Gemeindeausschuss zur Selbstverwaltung unter staatlicher Aufsicht.

Im Jahre 1922 schließlich wurde Obermenzing zur eigenständigen katholischen Pfarrei erhoben, in den beiden Jahren darauf erfolgte sodann die Erbauung der neuen Obermenzinger Pfarrkirche Leiden Christi nach Plänen des einheimischen Architekten Georg W. Buchner.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die stürmische Entwicklung der ehemals so ruhigen und beschaulichen Landgemeinde längst eingesetzt. Noch 1813 besaß Obermenzing ganze 228 Einwohner, die sich um den alten Ortskern mit Gastwirtschaft und Kirche, entlang der Pippinger Straße und der Würm gruppierten, 1852 waren es 298 und 1890 361 Einwohner. Dann jedoch setzte die erste Besiedlungswelle aus München ein. Die Bevölkerungszahl wuchs bis zur Jahrhundertwende auf 1.042 an und verdreifachte sich dann bis zum Jahre 1925 auf 3.390. Das Wachstum Obermenzings nach Süden in Richtung Pasing und nach Osten in Richtung Nymphenburg hatte eingesetzt. Den Anstoß zu dieser Entwicklung gab vor allem der Architekt August Exter, der 1892 begann, Gründe aufzukaufen und für eine Villenkolonie Pasing warb, die auch Obermenzinger Gebiet einschloss (Villenkolonien Neu-Pasing I 1892 auf Pasinger und Pippinger Grund, Neupasing II 1897 auf Pippinger Grund). Hinzu kamen 1909 die Postbeamten- und Wohnkolonie Mittlerer Verkehrsbeamten, die Siedlung Blutenburg 1918 und die Soziale Eigenheim-Siedlung Neulustheim 1919.

In der „Festschrift“ anlässlich der Eingemeindung Obermenzings nach München am 1. Dezember 1938 ist bereits von rund 8.200 Einwohnern die Rede. Die Volkszählung etwa zur Zeit der Gründung der Bürgervereinigung Obermenzing e.V. im Jahr 1950 ergab 12.511 Bürger, 1961 wurden 14.973 gezählt und 1970 bereits 17.963. Zum 31. Dezember 2002 zählte Obermenzing nach Angaben des statistischen Amtes der Stadt München genau 25.329 Einwohner. Im vergangenen Jahrhundert ist Obermenzing somit enorm gewachsen, in den 50 Jahren des Bestehens der Bürgervereinigung hat sich die Einwohnerzahl immerhin verdoppelt.

Im Zuge der großen Eingemeindungswelle im Münchner Westen verlor Obermenzing allerdings am 1. Dezember 1938 seine Eigenständigkeit und wurde Stadtteil Münchens. Ein eigener Bezirksausschuss beriet bis Anfang der 1990er Jahre die Landeshauptstadt München zu Fragen über den „Stadtbezirk 37“, Obermenzing. Mit der Stadtviertelreform wurde Obermenzing zum 1. September 1992 mit Pasing zusammengelegt. Diese Verwaltungsreform hat freilich nur bedingt Auswirkung auf das Obermenzinger Selbstverständnis. Seit jeher haben die Obermenzinger ihre Interessen gegenüber der Landeshauptstadt München energisch vertreten. Mit der Gründung der Bürgervereinigung Obermenzing e.V. im Dezember 1951 haben sich die Obermenzinger Bürgerinnen und Bürger ein viel beachtetes Sprachrohr gegenüber städtischen Behörden und Politikern geschaffen.

Obermenzing ist heute ein bevorzugter Villenbezirk mit einem eigenen Bahnhof, der 1907 an der 1876 eröffneten Bahnstrecke München – Ingolstadt eingerichtet wurde, mit der Schule an der Grandlstraße (1912), einem Kriegerdenkmal an der Dorfstraße (1922), einer großen Stadt-pfarrkirche (1924), einem eigenen Feuerwehrhaus (1926), einem Postamt (1933, bzw. Postagentur seit 1920) und dem evangelischen Gemeindezentrum Carolinenkirche (1975). Hinzu kommen traditionsreiche Gaststätten, unter anderem die seit mindestens 1417 bestehende und somit vermutlich älteste Gastwirtschaft Bayerns, der Gasthof „Zum Alten Wirt“ unmittelbar neben St. Georg; ihm gegenüber einer der schönsten Maibäume Oberbayerns. Und nicht zu vergessen die bereits oben erwähnten Kleinode St. Georg im Ortskern, St. Wolfgang in Pipping und die Schlosskapelle Blutenburg.

1972 trat in Bayern das Denkmalschutzgesetz in Kraft. Als erstes schützenswertes Ensemble für einen alten Dorfkern legte der Denkmalrat Obermenzing fest. Von Schloss Blutenburg über den Zehentstadel, das Carlhäusl und den Weichandhof bis hin zu St. Georg zieht sich ein breites Schutzgebiet. In ihm dürfen Veränderungen nur mit besonderer Genehmigung erfolgen.

Den Charakter Obermenzings zu bewahren, hierfür setzt sich die Bürgervereinigung seit ihrer Gründung 1951 ein.