Chronik

Zum Wohle Obermenzings

Auszüge aus der Chronik der Bürgervereinigung

Sommer 1951: Unter Leitung des Architekten Georg Eglinger bereiteten einige Obermenzinger Bürger die Gründung einer Bürgervereinigung vor, um die Verwaltung der ungeliebten Großstadt München auf die Nöte vor Ort hinzuweisen und bei der Bewältigung der örtlichen Probleme zu unterstützen. 123 Personen folgten dem Aufruf zur Gründungsversammlung am 14. Dezember 1951 in die Gaststätte Café Stenger, dem heutigen Wienerwald in der Verdistraße 125. Am 1. Dezember 1938 war Obermenzing nach München zwangseingemeindet worden. 13 Jahre später begehrten die Obermenzinger erstmals auf.

Seither engagiert sich die Obermenzinger Bürgervereinigung mit einer großen Anzahl an Mitgliedern für die Interessen Obermenzings und kann zahlreiche Erfolge verbuchen, die heute vielfach schon wieder in Vergessenheit geraten sind. Ohne die zahlreichen Initiativen der Bürgervereinigung würde unser Obermenzing jedoch nicht so aussehen, wie es sich heute präsentiert.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass in den Jahren 1926 bis 1940 im "Vororts-Adreßbuch", einem Anhang zum Münchner Adressbuch herausgegeben vom Adressbuchverlag der Industrie- und Handelskammer München, ein Verein unter dem Namen "Bürger- und Interessentenvertretung Obermenzing" Erwähnung findet. Zumindest von Ende 1925 bis Ende 1931 war wohl Mathhäus Hofmann - Eisenbahn-Inspektor, wohnhaft in der Westlichen Hofstraße 110 - Vorstand. Weitere Vorstände werden nicht genannt, Unterlagen oder nähere Hinweise auf den Verein konnten bisher nicht recherchiert werden. In den Annalen der Bürgervereinigung findet sich ebenfalls keinerlei Hinweis auf diesen Verein. Es wird daher davon ausgegangen, dass es sich 1951 um eine Neugründung, der Bürgervereinigung mit eigener Ausrichtung und nicht, wie in vielen Fällen zum damaligen Zeitpunkt, um eine Wiedergündung gehandelt hat.

„Wir haben, glaube ich, alle nur ein Interesse: Und zwar, die Lebensbedingungen in unserem Raum so zu gestalten, dass diese für uns Einwohner möglichst angenehm sind und uns viel Freude und wenig Kummer bereiten sollen,” appellierte Georg Eglinger am 14. Dezember 1951 an die Zuhörer im voll besetzten Gastraum des Café Stenger. „Unser Stadtteil ist durch die ständige Zunahme der Bevölkerung und seiner Gewerbebetriebe so gewachsen, dass sich in der Entwicklung unseres Raumes neue dringende Fragen und Bedürfnisse eingestellt haben, die wir in einer größeren Familie besprechen und beraten wollen und um deren Lösung wir bemüht sein wollen.“ Als Beispiele bestehender Mängel nannte Eglinger die Schneeräumung, Müllabfuhr, Straßenbeleuchtung, Verkehrsplanung, Erschließung von Baugelände, Aufhebung von Bausperren und die Erhaltung und Verschönerung des Ortsbildes. „Wir wollen hoffen, dass die heutige Gründung der Bürgervereinigung unter dem günstigen Zeichen des Weihnachtssternes steht und uns in friedlicher Zusammenarbeit viel Erfolg bringen möge zum Blühen und Gedeihen des Bezirks Obermenzing,“ wird Eglinger abschließend im Gründungsprotokoll zitiert.

Winterliche Schneeräumung und sommerliches Spritzen der vielfach unbefestigten Straßen Obermenzings stellten in den Anfangsjahren die größten finanziellen Belastungen der Bürgervereinigung dar. Zahlreiche Obermenzinger Straßen waren damals noch nicht geteert. Diese Teerung erfolgte jedoch frühestens, sobald die Grundstücke an die städtische Kanalisation angebunden waren.

Die Bürgervereinigung war somit zunächst vorwiegend eine Zweckgemeinschaft, die aus der Not heraus entstand. Obermenzing befand sich nicht im Straßenreinigungsplan der Stadt München und so musste jeder Anlieger selbst dafür sorgen, dass im Winter der Schnee geräumt wurde. Für viele der oft älteren Bürger war dies unmöglich. Für einen Jahresbeitrag von anfänglich nur einer Mark organisierte die Bürgervereinigung fortan die Schneeräumung. Zwei Schneepflüge standen zur Verfügung, welche von Obermenzinger Bauern mit ihren Traktoren gezogen wurden. Für diese nicht-landwirtschaftliche Nutzung ihrer Traktoren sollten die Bauern dann jedoch höhere Steuern zahlen. Unter diesen Bedingungen konnten sie den Hilfsdienst für die Allgemeinheit nicht mehr übernehmen. Die Bürgervereinigung mit inzwischen 1.400 Mitgliedern konnte hierfür statt dessen den Bauunternehmer Willi Fohmann gewinnen, der das modernste Schneeräumgerät beschaffte, welches am Markt verfügbar war und die Schneeräumung zu den gleichen günstigen Bedingungen übernahm, wie es zuvor die Bauern taten. Für seine großen Verdienste um die Belange Obermenzings wurde Fohmann 1958 zum ersten Ehrenmitglied der Bürgervereinigung ernannt.

1958 trat zwar ein neuer Reinigungsplan der Stadt in Kraft, welcher auch die Schneeräumung in einigen Straßen Obermenzings vorsah. Die städtischen Gebühren waren allerdings viel höher als der Beitrag zur Bürgervereinigung und so wurde die Schneeräumung mit Hilfe des Unternehmers Fohmann noch bis zum Jahresbeginn 1968 durch die Bürgervereinigung besorgt. Durch Gesetz vom 15. April 1968 musste die Schneeräumung dann allerdings doch vollständig von der Stadtverwaltung übernommen werden.

1957 wurde der Mitgliedsbeitrag von bisher 1,10 DM auf 2.- DM jährlich angehoben, spätestens seit 1968 beträgt der Jahresbeitrag 4.- DM und wurde seither „eingefroren“. Noch heute beträgt der Mindestbeitrag im Kalenderjahr lediglich 2,- Euro. Ein Großteil der Mitglieder spendet freilich bedeutend höhere Summen, andernfalls wären die Ziele der Bürgervereinigung gar nicht finanzierbar. Der Beitrag wird jedoch bewusst gering gehalten, damit auch wirklich jeder interessierte Obermenzinger sich eine Mitgliedschaft leisten kann. Und mit einer großen Mitgliederzahl im Rücken kann die Bürgervereinigung gegenüber Stadtverwaltung und Politik tatsächlich Einiges für Obermenzing bewirken, was sie schon vielfach unter Beweis gestellt hat. Im Nachfolgenden nur einige Beispiele:

Am 2. Dezember 1960 wurde der „Bürgerpark im Blutenburg-Durchblick“ erstmals im Rahmen eines öffentlichen Vortrages thematisiert, „bei der prominente Vertreter der Stadt und des Staates anwesend waren“ (Protokoll vom 12.04.1962). Die Bürgervereinigung hat sich von Anbeginn für den heutigen Durchblickpark (Obermenzinger Bilder Ausgabe 41) stark gemacht und den Park, der am 1. Oktober 1983 feierlich eingeweiht wurde, wesentlich initiiert.

Ursprünglich war vorgesehen, dass die Bürgervereinigung Obermenzing als Träger der Idee auftritt und dementsprechend als gemeinnützige Institution eingetragen wird. Erste Geldspenden waren bereits eingegangen. Nach einem Vorschlag der Schlösserverwaltung sollte das Gelände dann jedoch unmittelbar in den Besitz des städtischen Liegenschaftsamtes übergehen. Am 18.10.1961 teilte die Stadtverwaltung mit: „Die Anlegung eines Bürgerparks im Zuge des Blutenburg-Durchblicks ist abhängig von der Planung der Autobahneinführung West, über die aber noch nicht entschieden ist. Dem Antrag der Bürgervereinigung Obermenzing kann daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher entgegen getreten werden.“ Nach verschiedenen Verhandlungsgesprächen mit Schlösserverwaltung, Finanzministerium und Stadt wurde also beschlossen, „die gegenwärtige Planungsarbeit der Stadt nicht durch vorzeitige öffentliche Diskussion zu stören.“

Die Idee wurde jedoch nicht aus den Augen verloren und Anfang der 1970er Jahre, nach Klärung der künftigen Verkehrsführung, wieder aufgegriffen. 1972 war es der Landtagsabgeordnete Dr. Kurt Faltlhauser, der im Bezirksausschuss den Gedanken der parkähnlichen Gestaltung dieses Durchblickparks vortrug und sich hierfür stark machte. Am 19. Oktober 1977 wurde im Landtag über einen entsprechenden Antrag der Abgeordneten Dr. Kurt Faltlhauser, Dr. Erich Schosser und Dr. Paul Wilhelm in öffentlicher Sitzung beraten und sodann beschlossen, die Planungen zu unterstützen und voranzutreiben. Nur wenige Monate später, am 29. Juni 1978 erfolgte der erste Spatenstich und nach mehrjähriger Bauzeit sodann am 1. Oktober 1983 die Einweihung.

Auch die Initiative zur Sanierung von St. Georg in den Jahren 1969 bis 1973 ging bereits im Jahr 1964 von der Bürgervereinigung aus. „Die ersten wichtigsten Anstöße zur Beschaffung von Mitteln für die Renovierung von St. Georg kamen von Seiten der Bürgervereinigung Obermenzing,“ attestiert Stadtpfarrer Alfons Pöhlein 1971 (Obermenzinger Hefte 2/II Oktober 1971). Näheres hierzu siehe unter St. Georg.

Lauten Protest lösten 1973 die Pläne der Stadt München aus, zwischen dem Gartencenter Kölle und dem Langwieder See eine Mülldeponie zu errichten. Inmitten der Frischluftschneise von München sollte dieses Monstrum entstehen. Dass diese Pläne verworfen wurden, ist letztlich dem Engagement der Bürgervereinigung zu verdanken. Sie organisierte eine Sonderausgabe des „Würmtalboten“, einer damals noch bestehenden Lokalzeitung, mit umfassenden Informationen zu diesem Thema, führte Protestaktionen und Unterschriftensammlungen durch und beauftragte nicht zuletzt ein Fachgutachten von Prof. Dr. Wolfgang Engelhardt, Generaldirektor der naturwissenschaftlichen Dienststellen Bayerns, Lehrbeauftragter für Landschaftsökologie und Ökologie der Stadtlandschaft an der TU München und Präsident des Deutschen Naturschutzrings (abgedruckt im Obermenzinger Heft 8/II September 1974). Der Pasinger Stadtrat Franz Widmann ließ dieses Gutachten 80-fach vervielfältigen und legte es jedem einzelnen Stadtrat vor. Bei diesen Argumenten konnte sich der Stadtrat nur noch gegen diesen Standort entscheiden.

Erstaunlicherweise kam der Plan jedoch zu Beginn der 1990er Jahre wiederum auf den Tisch. Die Bürgervereinigung konnte erneut Prof. Engelhard zur Aktualisierung seines damaligen Gutachtens gewinnen und trug so entscheidend zum zweiten Mal dazu bei, dass dieses Mammutprojekt schließlich - und nunmehr hoffentlich endgültig - ad acta gelegt wurde.

Um den für Obermenzing und zur Entlastung der Verdistraße wichtigen Bau der Umgehungsautobahn A 99 voran zu treiben, gründete die Bürgervereinigung 1976 eine eigene Kommission, bestehend aus ihrem Vorsitzenden Franz Amler, Berthold Eder, Dr. Erwin Lohner und Franz Maisinger. Gespräche wurden mit zahlreichen Dienststellen von der Stadt München über Autobahndirektion und Regierung bis hin zur Obersten Baubehörde geführt. Im Oktober 1976 wurde eine vielbeachtete Pressekonferenz abgehalten. Die Bürgervereinigung hat sich im Interesse der Obermenzinger Wohnbevölkerung immer für diese Entlastungsstraße ausgesprochen.

Aber auch viele andere Dinge waren es, zu denen die Bürgervereinigung in den vergangenen mehr als 50 Jahren beitragen konnte. Beispielsweise die Beschaffung von Ruhebänken oder Krankenbetten, Kraftfahrzeugen und Rollstühlen für die Sozialstation oder einem Zierbrunnen für Leiden Christi, Einrichtungsgegenstände für das Alten- und Servicezentrum, die Freiwillige Feuerwehr, das Musikforum Blutenburg oder den Obermenzinger Zehentstadel und nicht zuletzt immer wieder Zuschüsse für kulturelle Aufgaben und Aktivitäten anderer gemeinnütziger Vereine und Einrichtungen. Die Bürgervereinigung war Mitinitiator der Sanierung der Kirchenorgel von St. Georg und hat sich mit Zuschüssen an der Sanierung von Schloss Blutenburg beteiligt. Die umfangreiche Sanierung von St. Wolfgang / Pipping in den Jahren 2005 bis 2012 geht wesentlich auf die Initiative der Bürgervereinigung zurück. Seit 2012 unterstützt die Bürgervereinigung das Caritas-Projekt „Betreut im Alter zu Hause wohnen“. Den Gemeindeanteil zur 2014 anstehenden Flachdachsanierung der evangelischen Carolinenkirche übernahmen wir ebenso, wie wir aktuell für die ab 2014 vorgesehene Kirchensanierung von St. Georg Spenden sammeln. Auf verschiedene Aktivitäten unserer Vereinigung weisen wir auf den entsprechenden Seiten dieses Internetauftritts – um uns nicht unnötig zu wiederholen - gesondert hin.

1980 wurde die Bürgervereinigung nach einigen Modifizierungen ihrer Satzung vom Finanzamt München als gemeinnützig und besonders förderungswürdig anerkannt.

Annähernd 30 Jahre lang hat sich Franz Amler für die Belange Obermenzings als Vorsitzender engagiert. Die Bürgervereinigung war ihm eine zweite Heimat geworden. Für seine Verdienste um Obermenzing erhielt Franz Amler zahlreiche Auszeichnungen, u.a. die Medaille „München leuchtet den Freunden Münchens“ und das Bundesverdienstkreuz. Franz Amler verstarb am 28. September 2001. Bis zur turnusmäßigen Vorstandswahl am 2. Juli 2002 übernahm Ernst Eschenweck, stellvertretender Vorsitzender, die Geschäfte des Vereins. Im Juli 2002 wurde Frieder Vogelsgesang als neuer Vorsitzender gewählt.

Obermenzing ist auch nach seiner Eingemeindung nach München im Jahre 1938 eine selbstbewusste Gemeinde geblieben. Den Charakter unseres Viertels zu wahren und die Interessen unserer Mitbürger zu vertreten ist das vorrangige Ziel der Bürgervereinigung Obermenzing e.V.

Bei zahlreichen Problemen in Obermenzing ist die Bürgervereinigung Ansprechpartner und häufig auch Initiator für Lösungen. Sie pflegt hierbei engen Kontakt zu den örtlichen Mandatsträgern und den Mitgliedern des Bezirksausschusses. Hierbei gilt jedoch nach wie vor die Feststellung unseres Gründungsvorsitzenden Georg Eglinger: „Die Bürgervereinigung vertritt unabhängig von allen Parteien die menschlichen Belange und Sorgen der Einwohner aus allen Schichten“ (Mitgliederversammlung 10.12.1954).

Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Vereinigung durch eine einmalige Spende oder Ihre Mitgliedschaft unterstützen. Näheres hierzu siehe Mitgliedschaft.

Über aktuelle Arbeitsschwerpunkte berichten wir auf der Seite Aktuell. Sobald diese Tätigkeiten erfolgreich abgeschlossen sind, finden Sie die ursprünglichen Meldungen unter Verschiedenes auf unserer Chronik-Seite.

 

(Frieder Vogelsgesang, August 2003, erg. Januar 2005, erg. Mai 2010)